Natur- und Freizeitzentrum Töpelwinkel e.V.
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Aktuelles

Wir feiern 2020 unser 20-jähriges Vereinsjubiläum. Aus diesem Anlass finden in dem Jahr mehrere Highlights statt. Unser erstes Highlight ist der Tag der offenen Tür am 28.03.2020 von 10 - 16 Uhr. Dazu laden wir Sie herzlich ein. Nähere Informationen über die verschiedenen Angebote an diesem Tag erhalten Sie zeitnah.
Chronik 2014
Töpelwinkel am 11.02.2020 um 10:57 (UTC)
 

 


 


 


 


 


 


Chronik 2014


 


 


 


Der Töpelwinkel im Wandel der Zeiten


 


von Uwe Reinwardt


 


 


 


Ein ESF Projekt


der


Europäischen Union


 


2014 - 2017


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 




 


Einführung


Die vorliegende „Chronik 2014“, der Töpelwinkel im Wandel der Zeiten, ist als eine Geschichtsschreibung, weniger als eine Chronik im eigentlichen Sinne, welche meist eine Aneinanderreihung von historischen Momenten und ihrer chronologischen Anordnung, zu lesen und zu verstehen. Dies war Absicht und natürlich auch der Maßgabe geschuldet, eine Chronik lebhaft zu gestalten, ohne dass überbordende Zahlenanhäufungen langweilen würden. Während der Recherchearbeiten fiel auf, dass viele Zeitzeugen in „Papierform“ einfach nicht mehr existieren, vernichtet worden sind, wie es meist in Zeiten großer Umbrüche in Deutschland üblich war. Es folgten lange Sitzungen in Zeitungsarchiven, insbesondere im Döbelner Stadtarchiv, dem Archiv der LVZ, dem Staatsarchiv München, „Durchsuchungen“ von alten Dachböden, Befragungen von Zeitzeugen aus der unmittelbaren nahen und fernen Umgebung und intensive Internetrecherche. Leider konnten viele Lücken in der Zeitgeschichte des Töpelwinkels nicht geschlossen werden, so die Zeit als Mädchenwohnheim, Pionierhaus oder aber die Verhältnisse, in denen sowjetische Kriegsgefangene auf dem Gelände der alten Schleiferei Wöllsdorf leben mussten. Dafür sind interessante und spannende Begebenheiten aus dem Alltag des Töpelwinkels zu DDR-Zeiten, wie auch aus Zeiten der Reichsgründung, den sozialen Kämpfen dieser bewegten Zeit zugänglich gemacht worden. Nicht zuletzt lebt diese Chronik von den vielen Originalzitaten, welche erklärend kommentiert wurden, den Erläuterungen der Zeitzeugen und den Dokumenten, welche in großer Zahl hier veröffentlicht werden.


 


Der Töpelwinkel ist ein „Kind“ der DDR und als solches erwachsen geworden. Heutige Betrachtungsweisen und leider auch Verklärungen historischer Abläufe können das Phänomen DDR nicht wirklich erklären, ohne dabei den Effekt der „Ostalgie“ bemühen zu wollen. Ob eine kritische Vorgehensweise bei der Betrachtung und Bewertung der Geschichte angebracht ist, sollte bezweifelt werden, um einer Voreingenommenheit nicht anheim gehen zu wollen. Die DDR wie auch der Töpelwinkel ist aus einer tiefen Überzeugung und festen Glauben im Sinne des Antifaschismus, Antimilitarismus und der Schaffung einer neuen, besseren Welt hervorgegangen. Geschichte ist keine Kritik und längst auch kein Feuilleton,


ihre Schreibung und Lesart sollte angemessen sein und sich nicht in Überheblichkeiten verlieren. Letztlich sollte Geschichtsschreibung immer bei der historischen Wahrheit bleiben, um Karl Marx zu zitieren.


 


 


 


 


Erklärungen zur „Benutzung“


Alle Zitate, ob Originalauszüge, Beiträge in Tageszeitungen, Dokumenten etc sind cursiv


dargestellt. Deren Rechtschreibung bzw. Schreibart wurde beibebehalten, d.h. auch die „Fehler“ oder Eigentümlichkeiten wurden nicht verändert. Die Quellen sind unmittelbar gekennzeichnet, es gibt also keine Fußnoten. Ein Anspruch auf Vollständigkeit besteht nicht.


 


 


Rechte


Es gilt das Urheberrecht. Rechte Dritter sind mit der Nennung der Quelle unberührt.


Formal und inhaltlich liegen alle Rechte beim Autor.


 


 


Dank...


an alle, die bei der Erstellung dieser Chronik tatkräftig halfen, insbesondere an Brigitte Buchmann, ohne deren Hilfe diese Chronik nicht hätte entstehen können. Selbstverständlich einen besonderen Dank an Frau Wiesner vom Stadtarchiv Döbeln, der Leiterin des Natur- und Freizeitzentrums Töpelwinkel e.V., Frau Lau, dem Staatsarchiv München und stellvertretend ein Dankeschön an alle Zeitzeugen und den Menschen vor Ort.


 


 


 


Kontakt: rwt@mail.de


www.ipho.de.tl


 


Uwe Reinwardt


 


Wöllsdorf, am 21. November 2014



Aktualisiert am 30. Januar 2017


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


 


Name aus dem Sorbischen


 


Den Namen Töpelwinkel verdankt das Areal dem Ort Töpeln. Auf der Internetseite der Feuerwehr Töpeln lässt sich nachlesen, woher der Name stammt: Für die Bezeichnung ist demnach das sorbische teply- warm maßgeblich. Zum Vergleich wird auf die in der tschechischen Sprache vorhandenen Namen Teplice (Thermalbad) und Tepl (Kloster in Westböhmen) hingewiesen. Die Schreibweise von Töpeln wandelte sich seit der Ersterwähnung im Jahre 1304 von Tepil zu Tepel, Thepil, Tepele, Toppil, Tepyle, Tepeln und 1764 schließlich zu Töpeln. Nachgewiesen wurde dies durch eine Urkunde, aus der hervorgeht, dass Tunzold von Kaufungen den Ort an das Kloster Buch verkaufte. Töpeln liegt nahe des Zusammenflusses von Zschopau und Mulde und ist weniger rauhen Winden ausgesetzt als die Dörfer auf der nahen Hochfläche. Nach der Reformation im 16. Jahrhundert gehörte Töpeln zum Kurfürsltlichen Amt Leisnig, von 1856 bis 1875 zum Gerichtsamt Hartha und seither zur Amtshauptmannschaft Döbeln, heute Landkreis. Heute leben rund 90 Einwohner in Töpeln (Quelle: "Döbelner Anzeiger" 29. Dezember 2007)


 


Woher stammt die Ortsbezeichnung Töpelwinkel?


Es läßt sich nicht mit Gewissheit sagen, wer, wie und wann genau diese Bezeichnung in die Welt brachte, eine Abgrenzung in die Wirren um 1945 bringt etwas Helligkeit in diese Fragestellung. Der Begriff Töpelwinkel wurde vor 1945 nicht benutzt oder er war bis dazumal nicht in Gebrauch. Zeitgenössische Überlieferungen weit vor 1945 sprechen auch nicht vom Fluss Zschopau, sondern von Zschope, oder einfach nur Zschop. So war es die Zschopau selbst, die sich zum idyllischen Fleckchen in einer großen Schleife am Töpelberg rieb, die Zschop-Au freilegte. Gut zweihundert Jahre zuvor wanderten bereits Schüler der Töpelner und Technitzer Schule, die übrigens auch immer gleich Pfarreien waren, an den Ufern der Zschope, der Zschop-Au. Im Schulbuch der Schule Töpeln von 1742 liest man den Begriff "Zschop" des öfteren, im Klassenbuch als "Freiwanderung" zum Botanisieren, oder Uferwanderung mit Gesang. Jedenfalls lässt sich an keiner Stelle der Ortsname "Töpelwinkel" ausmachen. Freilich beschreibt die Zschopau keinen Winkel sondern eine große Schleife, ein Ort mit großem Reiz in landschaftlicher und geologischer Hinsicht. Menschen früherer Generationen sind mit Sicherheit auf Trampelpfaden und befestigten Wegen direkt an der Zschopau entlang gewandert oder verdingten sich im Tagewerk auf den längst bewirtschafteten Wiesen und Feldern. Auch ein Fakt: In den vergangenen 350 Jahren hat diese Landschaft eine stetig große Veränderung mitgemacht, einerseits durch eine starke Übernutzung im Zuge der angehenden Industrialisierung. Man denke an die Abholzungen großer Landstriche im heutigen Mittelsachsen, oder einfach nur an die kleine Stadt Waldheim, die in Zeitabschnitten ihren Namen nicht verdient hat. Die Hänge des Zschopautales lichteten sich in dem Augenblick, als die Bevölkerungen in den besiedelten Flecken drastisch stieg und moderne industrielle Produktionsverfahren andererseits immer mehr Flächen in Anspruch nahmen. Erst mit dem wirtschaftlichen Niedergang um 1924 und ein in gewisser Weise aufkeimendes Bewusstsein für die Grenzen wirtschaftlichen Tuns, ließ die Landschaft im Töpelwinkel für sich und auch für die Menschen schonen. Also muss abschließend gesagt werden, dass als Ortsbezeichnung "Töpelwinkel" mit Sicherheit im Bezug auf das Örtchen Töpeln und den in Ruhe gelassenen "Winkel" entstanden ist. Hier ist einfach Ruhe...


 


Holz und Mühlen...


Im Tal der Zschopau wurde seit jeher Holz verarbeitet und Getreide gemahlen. Wasserkraft konnte so industriell genutzt werden. Später wurde die Gewinnung elektrischen Stromes immer wichtiger und an Stelle des Holzes trat verstärkt die Papiergewinnung. Man denke an die Papierfabrik Kriebethal, von der noch die Rede sein wird.


In Wöllsdorf standen damals bereits zwei Mühlen, wovon die große Mühle Albrecht Kuhnert gehörte. Kuhnert baute 1873 an der Stelle des heutigen Natur- und Freizeitzentrums Töpelwinkel eine Schleiferei. Dazu lesen wir in unseren Unterlagen zu der Zeit:


" Die 12 Kilometer unterhalb Kriebstein, gleichfalls an der Zschopau gelegene Mühle wurde 1873 vom Besitzer der Wöllsdorfer Mühle Albrecht Kuhnert erbaut. Dem Vorbesitzer der Mühle, Querfurth, hatte sich Kuhnert zu einer jährlichen Rente von 1800 Mark verpflichtet für den Fall, daß er die oberhalb gelegene Wasserkraft ausbauen würde. Als dann der Bau der Schleiferei mit Wohngebäude und Arbeitshaus die erwarteten Kosten weit überstieg, sah Kuhnert seine Mittel bald erschöpft und musste 1877 Konkurs anmelden. Hierbei übernahm die Schwägerin, Frau Hedwig Christiane Kuhnert, die Schleiferei und Querfurth das Arbeiterhaus und die Mühle, welch letztere er später weiter verkaufte. Bei der Abtretung des Arbeiterhauses an Querfurth war übersehen worden, dass zu dem Folium, auf dem daß Arbeiterhaus eingetragen war, auch zwei den Ober- und Untergraben durchschneidente Grundstücksparzellen gehörten. Frau Querfurth als Erbin ihres inzwischen verstorbenen Mannes verlangte nun für diese beiden Parzellen von minimaler Ausdehnung 60 000 Mark, erhöhte aber diese Forderung, als man sich bereit erklärte, sie zu bewilligen, auf 100 000 Mark. Als sie diese nicht erhielt, machte sie sich daran, Ober- und Untergraben zuzuschütten. Da die in der Umgebung wohnenden Leute sich weigerten, ihr bei diesem Vorhaben zu helfen und die Besitzer der benachbarten Steinbrüche ihr keine Steine lieferten, ließ sie Arbeiter aus der Frankenberger Gegend kommen und bezog die Steine von auswärts.


So gelang es ihr schließlich 1882, den Graben zuzuschütten und die Fabrik zum Stillstand zu bringen. Infolgedessen geriet Frau Kuhnert ebenfalls in Konkurs, und die Schleiferei ging 1883 an Franz Julius Sach in Leisnig über, von dem sie 1884 die Städtische Sparkasse zu Hartha übernahm. In demselben Jahr kaufte ein Konsortium von fünf Nossener Herren Wöllsdorf und brachte die Fabrik, nachdem an Frau Querfurth 60 000 Mark für Überlassung der Wasserstreifen gezahlt waren, wieder in Gang. Am 15. März ging dann Wöllsdorf an unsere Firma (Kübler & Niethammer Kriebethal) über. Die Schleiferei wurde, nach mehreren baulichen Veränderungen in den folgenden Jahren, im Jahre 1896 einem gründlichen Umbau unterzogen und arbeitet mit 4 Turbinen von insgesamt 350 Pferdekräften..."


 


Industrialisierung einer ganzen Region


 


1835 faßte in Böhrigen die Industrie Fuß; Spinnereien, Webereien wandelten den Ort in ein Fabrikdorf um. Nach 1860 wurde aus Leisnig die Tuchfabrikation nach Fischendorf durch B. Bernhardt gebracht, durch seinen Bruder die Herstellung von Wollwäschen; in Tragnitz wurden landwirtschaftliche Maschinen gebaut, in Niederstriegis chemische Produkte erzeugt, Richzenhain und Schweikershain übernahmen die Stuhlbauerei, Steina, Technitz, Pischwitz und Klosterbuch die Herstellung von Pappen und Papier; am "Grünen Haus" wurden Schamotteziegel gebrannt. Viele Rittergüter führten die Spiritusbrennerei ein. Keuern, Masten, Kleinbauchlitz, Sörmitz, Etzdorf, Großbauchlitz (Nagelfabrik) sind zum guten Teil von Arbeitern bewohnt.


Wenn heute aus Kriebethal täglich hunderte von Zentnern Holzstoffpapier für den Berliner Lokalanzeiger fertig gemacht werden können, so ist dies dem rastlosen Geiste des am 27. Juni 1816 in Hainichen geborenen schlichten Webers Friedrich Gottlob Keller zu danken. Der 27 Jahre alte Meister dachte angestrengt darüber nach, wie man am besten die Lumpen, aus denen feines Papier hergestellt wird, ersetzen könnte. An einem warmen Sommertage saß er im Hofe seines Hauses und verzehrte sein Vesperbrot. Am Hinterhaus schwirrten Wespen, ihr Nest bauend, ab und zu, holten vom Schindeldach Holzfäserchen und klebten sie zusammen. Keller nahm das fertige Nest herunter und fand, daß es aus einer dem Papier ähnlichen Masse bestand. Sofort zerieb er Holz und Stroh zu Brei, aber die Masse bekam keinen Halt. Nun probierte er ein Spiel aus seinen Kinderjahren, schliff auf nassem Steine Holz Holz in der Längsfaserrichtung, kochte die Masse und rührte sie mit einem Quirl kräftig um. Davon spritzte er wenig auf das Tischtuch; das Wasser sickerte durch und zurück blieb ein dem Papier ähnlicher Stoff. Bals gelangen ihm ganze Bogen, die auch den Druck aushielten. Zur Ausnützung seiner wichtigen Erfindung pachtete er in Kühnwalde eine Mühle. Das Geld wurde knapp; er bat den Staat um eine Unterstützung, wurde aber abgewiesen. 1846 wandte er sich an den Direktor der Bautzener Papierfabrik, Heinrich Bölter, schloß mit diesem einen Vertrag ab und beide erwarben nun auf 5 Jahre ein Patent, das ihnen die alleinige Herstellung des Holzstoffpapieres sicherte. Als die Zeit abgelaufen war, konnte Keller die hohen Patentkosten nicht aufbringen und überließ Bölter die alleinige Ausnutzung seiner erfindung. 1854 erfand dieser eine Maschine, deren Grundgedanken noch heute gelten, verdiente viel Geld, galt als der große Erfinder. Keller ward vergessen. Die Heimat Hainichen tat es nicht und ernannte ihren geistvollen Sohn 1893 zum Ehrenbürger und errichtete einen Brunnen, der sein Bild und an den Seiten zwei Plaketten zeigt.


Die Herstellung des neuen Papieres wurde von Bautzen nach dem holzreichen Württemberg nach Heidenheim an der Benz unter der Firma "Heinrich Bölters Söhne" verlegt. Bei dieser trat 1850 der im Forsthaus Reichenberg im Schwabenlande geborene 17jährige Student der Gottesgelehrsamkeit Ludwig Albert Julius Niethammer zum Studium der Technik und des Handels ein. Hier lernte er den jungen Fritz Kübler kennen, der 1850 als Leiter der Papiermühle nach Kriebethal berufen wurde. Bölter schickte Niethammer dahin, damit er ihm ein Urteil über die Anlage abgäbe. Dieser erkannte sofort die Nachteile der alten Einrichtungen, aber auch die Vorteile für eine Neu-Anlage, machte sich selbstständig und pachtete gemeinsam mit seinem Freunde Kübler die Fabrik, welch erst eine werden sollte, auf 12 Jahre. 1856 wurde der Betrieb mit geliehenen 10 000 Talern aufgenommen. Kübler, der bald Niethammers Schwager wurde, war leidend, förderte aber trotzdem das Werk unaufhörlich. 1867 kauften beide die alte Papiermühle. Neue große Anlagen wuchsen bald daneben empor und als hier der Platz nicht weiter reichte, wurden in Kriebenau, Meinsberg, Wöllsdorf und 5 anderen Orten ähnliche Werke geschaffen. Kriebethal wurde 1896 mit Waldheim durch die Bahn verbunden. 1905 wurden 506 000 Zentner Papier hergestellt, 1907 zählte das Arbeigterheer der Niethammerwerke 3050 Köpfe. Die Einrichtungen der Fürsorge sind in Kriebethal vorbildlich. Es gibt eine Schule mit reichhaltiger Lehrmittelsammlung, ein Burschenhaus, eine gute Bücherei, Zeitungsauslage, Samariterdienst. Alle diese Einrichtungen entsprangen dem goldenen Wahrspruch: "Das Interesse des Arbeitgebers und des Arbeitnehmers sind unauflöslich miteinander verbunden. Eins hängt vom anderen ab; einer gewinnt wenn der andere vorwärts kommt, einer leidet, wenn der andere leidet". Alle Titel und Ehren ließen den Mann der schaffenden Kraft schlicht und einfach bleiben. Niethammer lebt in seinen Söhnen fort, die gleich dem Gründer der Werke denken und handeln. Der Dresdner Künstler Eugen Bracht hat ein vortreffliches Gemälde geschaffen: "Alte und neue Zeit." Droben Schloß Kriebstein, drunten die fabriken Kriebsteins und Kriebethals. Das Ganze ist ein Sinnbild dieses Heimatbuches, und die Losung heißt: Aufwärts!


 


Zu der Zeit wuchs das Familienunternehmen Kübler und Niethammer auf eine für damalige Verhältnisse stattliche Größe. Zum 50. Firmenjubiläum im Jahr 1905 waren bereits 1000 Angestellte im Unternehmen. Die Chronik der Unternehmung Kübler & Niethammer liest als ein eindrucksvolles Dokument sächsischer Industriegeschichte...


1856 Am 15. März übernahmen die Freunde Fritz Kübler und Albert Niethammer durch einen Pachtvertrag über 12 Jahre die Kriebsteiner Papierfabrik mit 40 Mitarbeitern vom Eigentümer Fr. W. Pohl und gründeten die Papierfabrik Kübler & Niethammer


1860 / 61 Übernahme der Papiermühle Georgenthal und Aufbau einer Holzschleiferei im Schwarzwassertal


Gründung einer Fabriksparkasse


1862 Aufstellung der II. Papiermaschine


1865 Am 2. Mai Tod von Fritz Kübler, Teilhaber und Ehemann von Natalie, der Schwester Albert Niethammers


Kauf des Hammerwerkes Breitenhof


1866 Ausbau der Holzschleiferei in Breitenhof


1867 Am 15. März Kauf von Kriebstein, Installation einer neuen Wasserkraftanlage


1871 Bau und Inbetriebnahme der III. Papiermaschine


1872 Ab dem 1. Januar Alleininhaber von Kriebstein und Georgenthal


Die Witwe Kübler, seine Schwester, erhält dafür die Holzschleiferei Breitenhof


1873 Einrichtung einer Fabrikfeuerwehr mit modernsten Geräten und Gründung eines Konsumvereins


1874 Fertigstellung der Holzschleiferei Kriebethal


1875 Ersatz der II. Papiermaschine durch eine Neue


1877 Aufstellung des 1. Bischoff’schen Rollapparates in Sachsen


1879 Einrichtung eines Kindergartens mit kostenloser Kinderbetreung


1880 Inbetriebnahme der IV. Papiermaschine mit 2,56 m Arbeitsbreite


Bau einer neuen Kesselanlage


1881 Beginn mit dem Bau von Werkswohnungen


1883 Kauf der Holzschleiferei Albertsthal im Schwarzwassertal und Aufbau einer Zellstofffabrik in Gröditz


1884 Gründung einer Betriebskrankenkasse


1886 Aufbau einer Holzschleiferei in Meinsberg Inbetriebnahme einer amerikanischen Papiermaschine mit Harper’scher Nasspartie (sämtl. Antriebe mit Friktionskupplungen)


1887 Bau einer Anlage von elektrischen Licht für Fabrik- und Wohnräumen


1888 Kauf der Holzschleiferei Wöllsdorf


1889 Stiftung einer Schule für Kriebethal


1893 Errichtung einer 1000 PS Dampfschleiferei in Kriebethal


1897 Fertigstellung einer Eisenbahn von Waldheim nach Kriebethal durchs Zschopautal mit Stellung von Grundstück und 2/3 Kostenübernahme


1899 Bau eines Burschenhauses für ledige Arbeiter


1900 Errichtung einer Kläranlage und eines Wasserturms in Kriebstein


1902 Zwei der ältesten Papiermaschinen werden durch Neue ersetzt (Voith), die Dritte modernisiert


1903 Errichtung einer Filteranlage zur Abwasserreinigung


1904 Bau einer neuen Dampfschleiferei in Kriebenau mit 3000 PS


1905 50jähriges Firmenjubiläum mit 1000 Beschäftigten


1906 Stiftung eines Arbeiter- und Jubiläumsfonds


1908 Tod des Firmengründers Albert Niethammer und Übernahme der Geschäftsleitung durch die Söhne Albert und Konrad


1910 Aufstellung der II. Papiermaschine in Kriebethal, PM VIII


1911 Bau eines Kesselhauses in Kriebstein, Dampfturbine, alle vier Papiermaschinen erhalten elektrischen Antrieb


1914 Bau einer Trinkwasserleitung für das Dorf Kriebethal


Einweihung des Erholungsheims in Breitenhof


1919 Aufbau eines Großschleifers (2,5m Durchm.) und Erweiterung der Wasserkraft auf 1000 PS


Aufstellung des ersten Rotationsquerschneiders in Deutschland


Gründung der Käthestiftung für Geburtsbeihilfen


1920 PM II wird umgebaut und vergrössert


PM IV wird durch eine neue Papiermaschine ersetzt


1921 PM V wird durch eine neue Papiermaschine ersetzt


1924 Erneuerung und Modernisierung des Zellstoffwerkes in Gröditz


Gründung einer Pensionskasse


1925 Einrichtung eines Laboratoriums in Kriebstein


1926 In Kriebenau werden vier Stetigschleifer auf einer gemeinsamen Welle durch eine 5000 PS starke Dampfturbine angetrieben und durch eine erstmalig verlegte Rohrleitung, wird der entwässerte Holzschliff, 600 m weit zum Werk Kriebstein geblasen


1927 Stiftung einer Turnhalle und Tennisplatz für den Turnverein Kriebethal und Einrichtung einer medizinischen Badeanlage in Kriebstein


1929 Inbetriebnahme einer neuen Papiermaschine PM IX für Zeitungsdruck mit 3.80 m Papierbreite einschliesslich einer neuen Holzschleiferei und einer Entrindungsanlage in Kriebethal


 


1930 Stillegung der Schleifereien Meinsberg und Wöllsdorf im Zschopautal.


Im Schwarzwassertal werden die Schleifereien Albertsthal, Georgenthal, Breitenhof und Erlabrunn stillgelegt.


Umstellung auf Stromerzeugung


1931 Umstellung der Papiermaschinen VII und VIII in Kriebethal auf die Erzeugung mittelfeiner Papiere


1934 Aufstellung einer 3-Seiten-Schneidemaschine


1938 Aufstellung eines Doppelquerschneiders von Haubold


1945 Verhaftung der Familie Niethammer und Deportierung nach Rügen


1946 Enteignung und Demontage aller Betriebsanlagen durch die Sowjets


1954 Auf Beschluss der DDR-Regierung erfolgte der Wiederaufbau der Papierfabrik mit der PM I


365 m/min und 4 m Arbeitsbreite von Voith


1960 Aufbau der PM II für Seidenpapiere


1965 Neubau der PM III für Tissue und Verarbeitung für Taschentücher, Servietten, Verbandszellstoff und Windeln


1966 Aufbau einer Deinkinganlage auf 20 t/d (Pama-Voith)


1975 Umbau PM I auf 600 m/min., Neugestaltung der Stoff- und Holzaufbereitung


1981 Erweiterung der Deinkinganlage auf 60 t/d


1986 Wechsel des Kreppzylinders an der PM III


1987 Einbau eines Accu-Ray Qualitätsleitsystems an der PM I


1990 Rückkauf der PF Kriebstein durch die Familie Niethammer und Umbenennung in


Kübler & Niethammer Papierfabrik Kriebstein AG


Beschichtung des Trockenzylinders an der PM III


1991 Neubau der Trockenhaube


1992 Neues Nipcomat-Glättwerk an der PM I


1993 Inbetriebnahme des Kraftwerkes auf Erdgasbasis Inbetriebnahme der neuen Deinkinganlage Mit 230 t/d


1996 Erneuerung des Kreppzylinders an der PM III


Neuer Stoffauflauf mit einem ModuleJet für die PM I


1998 Stillegung der PM II


1999 Inbetriebnahme der biologischen Kläranlage


Erweiterung der Deinkinganlage durch eine Nachflotation und 2-stufiger Bleiche


2001 Verkauf der PM III an die Wepa, Arnsberg


Einbau eines Obersiebformers in die PM I


2002 Einbau eines Speedcoaters zum Pigmentauftrag auf das Papier


2003 Einbau einer Streichküche für den vollständigen Übergang von bisher ungestrichenem Naturpapier (Zeitung) zu beidseitig gestrichenem Offsetpapier für Zeitschriften und Werbebeilagen


2004 Transferphase mit abwechselnder ca. hälftiger Produktion gestrichener und ungestrichener Papiere. 29. Dezember Antrag auf Eröffnung eines Insolvenzplanverfahrens wegen drohender Zahlungsunfähigkeit


2005 Einbau einer zusätzliche Rollenpackmaschine für zunehmenden Kundenbedarf nach 2-Meter-Rollen


2006 Einbau eines Lochdetektors zur weiteren Verbesserung der Qualität


2007 26. März Aufhebung des Insolvenzplanverfahrens. Im April Einbau neuer Antriebstechnik und Glättwerksheizung zur Erhöhung von Sicherheit und Qualität sowie eines neuen Prozessleitsystems für die Altpapierentfärbungsanlage


2008 Einbau eines Kalanders zur maximalen Steigerung der Glätte und des Glanzes unserer Papiere


(Quelle: Fa. Kübler & Niethammer Papierfabrik Kriebstein AG)





Wie Albert Niethammer 1887 in den Deutschen Reichstag gewählt, am Vorabend der Wahl von Harthaer Arbeitern im "Ratskellersaal" an die Luft gesetzt wurde, schildert die "Leipziger Volkszeitung" im Februar 1987, Einhundert Jahre später:





Wahlkampf vor 100 Jahren



1887 war in der politischen Geschichte des Deutschen Reiches kein unwichtiges Jahr. Schon der Januar brachte einen Paukenschlag. Im Reichstag forderte Reichskanzler Bismarck unnachgiebig mehr Rüstungsausgaben und ein stärkeres Heer. Die Mehrheit des Reichstages lehnte die Militärvorlage Bismarcks ab. Darauf ließ der Reichskanzler das Parlament kurzerhand auflösen und für den 21. Februar 1887 Neuwahlen ausschreiben.



Um "andere Leute" ins Parlament zu bekommen, bildeten die Parteien der Reaktion ein Kartell, um in jedem Wahlkreis jeweils einen gemeinsamen Kandidaten aufzustellen. Die Städte und Dörfer unseres heutigen Kreises Döbeln gehörten damals zum 10. Sächsischen Wahlkreis. Hier hatten die reaktionären Kräfte einen ihrer Exponenten, den damaligen Besitzer der Papierfabrik Kriebstein und Mitglied des Vorstandes der National-Liberalen Partei in Sachsen, den Kommerzienrat Albert Niethammer als ihren Kanditaten aufgestellt.



Obwohl als Großkapitalist bedingungsloser Vertreter der herrschenden Klasse, war er doch nicht so radikal rechtsstehend, daß nicht auch Kleingewerbetreibende, sogar einzelne Arbeiter, zu seinen Wählern zählten. Niethammers Kandidatur war von langer Hand vorbereitet. Bevor die anderen Parteien reagieren konnten, wurde für ihn in den örtlichen Zeitungen von Döbeln, Waldheim, Roßwein und Leisnig in halb-, später ganzseitigen Aufrufen geworben. Begleitet von sozialer Demagogie und zügelloser Hetze besonders gegen die Partei der Arbeiter, entwickelten die Militaristen eine wahre Kriegspanik, die viele Wähler ins rechte Lager jagten.



Die durch das Sozialistengesetz wesentlich behinderte Partei Bebels und Liebknechts hatte es schwer, sich dieser Angriffe zu erwehren. Sie stellte für Döbeln den Zigarrenarbeiter Franz Hofmann aus Chemnitz (heute Karl-Marx-Stadt) als Kandidaten auf. Obwohl dieser natürlich längst nicht die finanziellen Möglichkeiten des Großkapitalisten Niethammer hatte, kaum auf Wahlversammlungen auftreten konnte, widerlegte er die Intrigen und Lügen, klärte er über die Ursachen der Kriegshysterie und die Wahren Ziele der Regierung und ihrer Steigbügelhalter im Parlament auf.



So rückte die Reichstagswahl am 21. Februar 1887 heran. Ihr Ausgang war vorauszusehen. Der Kandidat der Junker und Kapitalisten, Niethammer, erhielt im Wahlkreis über die Hälfte der abgegebenen Stimmen. Daß er seine Wahl allerdings nur der Vereinigung der Rechtsparteien zu verdanken hatte, wurde selbst von den konservativ eingestellten Zeitungen offen zugegeben. Doch auch die Sozialdemokratie erzeilte Stimmengewinne. In Hartha z.B. hatten die Arbeiter am Vorabend der Wahlen den Herrn Niethammer samt seinen Argumenten zum Ratskellersaal hinausbefördert. Hier erhielt der Kandidat der Arbeiterpartei über 64 Prozent der Wählerstimmen. Leider änderte das nichts am Gesamtergebnis für Niethammer.



Nach der Konstituierung des neuen Reichstages wurde die Militärvorlage mit Mehrheit am 9. März 1887 angenommen. Die dadurch beschlossene Vergrößerung des stehenden Heeres hatte auch für unseren Kreis Konsequenzen. In Döbeln und Leisnig wurden Kasernen gebaut, um eines der neuen Regimenter aufzunehmen.

Matthias Wolf



 


Albert Niethammer spricht sich als Nationalliberaler im Deutschen Reichstag gegen Kinderarbeit aus:


 


Reichstag. - 38. Sitzung. Mittwoch den 8. Juni 1887


 


Nun, meine Herren, ist von all den geehrten Herren Vorrednern Bezug genommen worden auf die ungeheuerlichen Eingaben, die an das Haus gelangt sind, und die sich gegen die Beschränkung der Kinderarbeit aussprechen. Ich habe eine ähnliche Eingabe, die mir nun erst zugegenagen ist, und ich darf vielleicht bitten, da es sich nur um wenige Sätze handelt, den Inhalt der mir zugegangenen Petition zur Kenntnis des hohen Hauses zu bringen. In einer Petition aus meinem Wahlkreise, dem Amtsbezirk Hainichen, in der gebeten wird, der Beschränkung der Kinderarbeit in den Fabriken nicht beizutreten, heißt es:


Erstens und hauptsächlich bitten wir um Ablehnung der Kinderbeschränkung wegen des Verdienstes, der den Eltern und Ernährern solcher Kinder dadurch entgeht, daß diese die bisher guten Löhne und leichte Fabrikarbeit nicht mehr haben sollen. Es werden dadurch beträchtliche Einnahmen beseitigt, welche jetzt den Arbeiterfamilien zu gute kommen u.s.w.


Zweitens haben die Kinder in der Fabrik eine streng geregelte Thätigkeit und gewöhnen sich an Ordnung. Sie arbeiten unter der Aufsicht entweder ihrer eigenen Eltern oder anderer erwachsenen Arbeiter. Es scheint uns besser, wenn die älteren Schulkinder von 12 Jahren an täglich einige Stunden in der Fabrik arbeiten können, als daß sie, wie sonst vielfach nicht zu vermeiden wäre, ohne genügende Beschäftigung und Aufsicht sich herumtreiben und sich an den Müßiggang gewöhnen.


Drittens sind die zwei letzten Schuljahre dasjenige Alter, in welchem sich allerlei Fertigkeiten und Handgriffe, wie sie der Arbeiter braucht, am leichtesten erlernen lassen. Es wird also gerade in dieser Zeit ein guter Grund gelegt zu der Geschicklichkeit, auf welcher der künftige Verdienst des Arbeiters beruht.


 


Meine Herren, unterschrieben ist diese Petition von 396 Arbeitern, und diese Arbeiter rekrutieren sich nicht etwa aus einzelnen Betriebszweigen, wo man von einer ungeheueren Noth sprechen möchte, und wo man glaubt, daß der Verdienst der männlichen Arbeiter durch die Kinderarbeit hauptsächlich herabgedrückt wird; es sind hier Tuchmacher, Gerber, Färber, Weberinnen, kurz und gut, es sind alle Branchen vertreten.


Meine Herren, auch diese Petition spricht dafür, daß die Ansichten über den Kinderschutz in den Fabriken gewiß mit vollem Recht himmelweit auseinandergehen, und daß es darum nur im Interesse unserer Arbeiter liegen kann, wenn wir uns in dieser Frage auf den Standpunkt der Resolution stellen und die Hoffnung aussprechen, daß es den verbündeten Regierungen gelingen möge, uns das Material zu schaffen, welches uns dann befähigt, zum Segen der Kinder ein Schutzgesetz zu schaffen. Denn, meine Herren, wir wollen nicht vergessen, der Arbeiter verlangt Schutz für sich und die Seinen bei der Arbeit, aber er verlangt keinen Schutz gegen die Arbeit.


(Bravo! Rechts.)


 


Vizepräsident Dr. Buhl: Das Wort hat der Herr Abgeordnete Niethammer.


 


Abgeordneter Niethammer: Meine Herren, auf die Vorwürfe, welche dem Zentralverband deutscher Industrieller gemacht worden sind, will ich mich nicht einlassen; darauf mögen diejenigen Herren antworten, welche etwa Mitglieder des Zentralverbandes sind. Aber das eine möchte ich doch vorausschicken, daß, wenn ich jetzt gegen den § 135, wie aus der Kommission gekommen ist, spreche, ich mich nach meiner Meinung nicht zu entschuldigen habe etwa wegen mangelnder Humanität oder wegen eigener Interessen, welche man ja unwwillkürlich jemandem, der anscheinend der herrschenden Meinung sich nicht ohne weiteres anbequemen will, in die Schuhe zu schieben pflegt.


Zunächst möchte ich den beiden Handelskammern von Chemnitz und Plauen, überhaupt unseren sächsischen Handelskammern gegen die Vorwürfe verwahren, welche der Abgeordnete Hitze ihnen gemacht hat. Gerade die Handelskammer Plauen hat sich bei allen diesen Untersuchungen stets durch eine seltene Objektivität ausgezeichnet, und man ist ihr die Anerkennung schuldig, daß sie wie keine andere das Material beschafft und uns einen Einblick in all die Übelstände verschafft hat, welche auf dem Gebiete der Kinderarbeit noch herrschen. Die Chemnitzer Handelskammer hat für die Beurtheilung der Kinderarbeit in den Fabriken und in der Hausindustrie weniger Material beigetragen, sie nimmt aber in ihrer Eingabe an den Reichstag auch eine solche Stellung ein, von der man nicht sagen kann, daß sie aus manchesterlicher Rücksichtslosigkeit von den Arbeiterschutzgesetzen, welche wir ins Leben einführen wollen, nichts wissen will; sie hat Bedenken, ob diese Arbeiterschutzgesetze, wie sich der Herr Vorredner am Schluß seiner Rede ausdrückte, nicht geeignet sein könnten, dem Arbeiter ein zweifelhaftes Geschenk darzubieten.


Dann möchte ich ausdrücklich die Handelskammer in Plauen wie überhaupt die sächsischen Handelskammern dagegen verwahren, als ob sie es wären, welche die Erlaubniß zur Beschäftigung der Kinder in den Fabriken auf das 10. Jahr zurücksetzen möchten. Solche Wünsche sind aus der Mitte der Fabrikanten allerdings laut geworden lediglich mit Rücksicht auf die ungeheuren Mißbräuche, welche in der Hausindustrie in Bezug auf die Kinderarbeit vorhanden sind. Da haben die betreffenden Fabrikanten auseinandergesetzt, daß es in der Tath für die Kinder eine Wohlthat wäre, wenn sie nicht in der Hausindustrie beschäftigt, sondern lieber schon vom 10. Jahre ab in den Fabriken in geordneter, gesetzlich geregelter Weise beschäftigt werden könnten. Diese Ansicht ist beispielsweise in Petitionen an die sächsische Regierung zum Ausdruck gelangt.


Meine Herren, der Herr Abgeordnete Hitze hat auch davon gesprochen, daß wir, indem wie die berechtigten Forderungen der Sozialdemokratie anerkennen, die wahren Zwecke und Ziele der sozialen Gesetzgebung fördern und zur Herbeiführung des sozialen Friedens mit beitragen.


Ich gebe ihm vollständig Recht, und es ist immer meine Meinung gewesen, daß wir keinen größeren Fehler begehen können, als wenn wir das Berechtigte in den sozialdemokratischen Forderungen nicht anerkennen, sondern von der Hand weisen. Aber zu den berechtigten Forderungen der Sozialdemokratie rechne ich es nicht, daß sie fortgesetzt und in agitatorischer Weise von dem Ausbeutungssystem der Arbeitgeber bezüglich der Arbeiter spricht, und es hat mich deshalb auch etwas peinlich berührt, daß der Abgeordnete Hitze in ziemlich allgemeiner Weise von dem Ausbeutungssystem der Arbeitgeber den Arbeitern gegenüber gesprochen hat.


 


(Sehr richtig! Rechts.)


 


Ich muß sagen, meine Herren, ich bin der Meinung, man sollte mit diesem Ausdrucke sehr vorsichtig verfahren; denn er ist nicht geeignet, zu der Erkenntnis beizutragen, daß die Interessen der Arbeitgeber und der Arbeiter innig verbunden sind, und das diese Gemeinsamkeit der Interessen der Arbeitgeber und Arbeiter viel mehr gepflegt werden sollte. Das schließt natürlich nicht aus, das man überall da, wo man Übelstände trifft, denselben entgegentritt; und daß wir denjenigen Arbeitgebern oder gar denjenigen Industriezweigen, welche in rücksichtsloser Weise ihre Arbeiter behandeln und ausbeuten, es unverholen sagen, das ist natürlich auch unsere Pflicht. Aber in dieser allgemeinen Weise soll von einem Ausbeutungssystem der Arbeiter durch die Arbeitgeber nicht gesprochen werden. Auch wir sind gerade, wie der Herr Abgeordnete Hitze und seine Partei, der Meinung, daß die Familie als die Grundlage unserer ganzen sittlichen Entwicklung und unserer kultur geschützt und gefördert werden soll. Die Sonntagsruhe steht im gegenwärtigen Augenblicke nicht auf der Tagesordnung, ich verliere darüber als über eine selbstverständliche Sache kein Wort; die Kinderarbeit, welche uns jetzt beschäftigt, ist wohl geeignet, bei manchem, der in anderen Verhältnissen steht als der Herr Hitze und Herr Schmidt, Bedenken zu erregen. Die Aufhebung der Frauenarbeit ohne weiteres so zu dekretieren, wie es von mancher Seite vorgeschlagen wird, gehört sicher auch zu den ganz bedenklichen Unternehmungen.


 


Meine Herren, allen diesen Verhältnissen, die uns ideal als richtig und ertrebenswerth erscheinen, denen gegenüber und neben ihnen steht die harte Nothwendigkeit, in der wir uns mit unserem wirtschaftlichen Leben befinden, und wir können mit den derzeitigen Lebensbedingungen unserer wirthschaftlichen Thätigkeit so ohne weiteres, wie es aus mancher Stelle durch die Vorschläge der Kommission geschieht, nicht brechen und nicht so tief einschneidend in dieselben eingreifen.


Wenn ich jetzt dazu übergehe, in durchaus sachlicher Weise den Beschluß der Kommission zu kritisieren und ihn von meinem Standpunkt aus als einen nicht sachgemäßen, nicht glücklichen zu bekämpfen, so will ich doch vorausschicken, daß ich glaube, auch die sächsische Regierung, welche diesen Verhältnissen nahesteht, wir, wie ich nicht zweifle, aus den Verhandlungen des Reichstags für sich und die sächsischen Verhältnisse dasjenige, was ihr beachtenswerth erscheint, sich zu Nutzen machen. Ich glaube, auch die sächsische Regierung nimmt den Standpunkt ein, daß eine Aenderung des § 135, wie sie hier von der Kommission vorgeschlagen ist, eine praktische nicht genannt werden kann.


Meine Herren, mir scheint es als erstrebenswerthes Ziel, die Arbeit der Kinder unter 14 Jahren, überhaupt der Schulpflichtigen Kinder, in den abriken zu beseitigen. Ich bin nur der Meinung, daß wir auf dem Wege, wie ihn die Kommission vorgeschlagen hat, nicht praktisch dazu gelangen, und daß wir den vorhandenen realen Verhältnissen noch Rechnung tragen müssen.


Das die Kommission zu keinem anderen Beschlusse gelangt ist als zu dem vorliegenden, das zeigt mir die Schwierigkeit der Frage, welche nicht nur vom humanitären, sondern ganz besonders vom praktischen Standpunkte aus zu beurteilen ist. Wenn von Humanität gesprochen wird, so möchte ich doch auch aussprechen: daß die wahre Humanität nicht darin besteht, daß man schablonenhaft verfährt, sondern daß man sich möglichst dem vorhandenen Bedürfnisse, den vorhandenen Verhältnissen anzupassen sucht und mehr spezialisirt. Die Thatsache, daß in einzelnen Gegenden unseres Vaterlandes und ganz besonders in Sachsen die Kinderarbeit in den Fabriken noch vorhanden ist, und daß sie für nothwendig angesehen wird für die Industrie wie für die Lebensstellung vieler Familien, ist also mit ihren Konsequenzen nicht aus der Welt zu schaffen;


und wenn in einem Handelskammerbezirke, beispielsweise Plauen, ungefähr 3000 Kinder unter 14 Jahren in Fabriken beschäftigt sind, so handelt es sich eben in diesem Bezirke um die Lebenshaltung von 2- bis 3000 Familien, das heißt um eine fühlbare Beschränkung derselben. Ich wäre sehr damit einverstanden, und es würde mich ungeheuer freuen, wenn wir zu Zuständen gelangen könnten so schnell und unvermittelt, daß der Mann überall im Stande wäre, den Lebensunterhalt für die ganze Familie zu erwerben.


 


Gewiß ist dieser Zustand ein wünschenswerther, aber der Herr Abgeordnete Schmidt wird mir Recht geben, daß wir so rasch zu einem solchen Zustande nicht gelangen können. Ich kann ihm darin nicht Recht geben, wenn er sagt: es mögen lieber Industriezweige zu Grunde gehen, als daß die Kinder an ihrer Gesundheit geschädigt werden,- weil er sich nach meiner Meinung in einem Widerspruche mit sich selbst befindet. Wenn der Herr Abgeordnete Schmidt mit berechtigtem Selbstgefühl von den vortrefflichen Verhältnissen und Zuständen seines Industrie-Bezirks nach dieser Seite hin spricht, so kann ich ihn wohl darum beneiden; aber das hindert mich nicht, gleichzeitig dem Umstande gerecht zu werden, daß die Industrie des sächsischen Erzgebirges in einer solchen bevorzugten Lage sich nicht befindet, und daß sie nach menschlicher Voraussicht in so glückliche Verhältnisse, wie sie im Westen zur Zeit zu bestehen scheinen, nicht so rasch gelangen wird. Gerade die Industrie des sächsischen Erzgebirges hat mit der Mode zu gehen und muß kämpfen und arbeiten, damit sie bei dem Wechsel, welcher hierdurch in ihrer Beschäftigung, in ihrer ganzen Fabriktätigkeit eintritt, immer wieder auf der Höhe der Konkurrenz bleibt und den Markt nicht verliert. Mit einem Wort: die Industrie des sächsischen Erzgebirges ist in diesem Augenblick nicht so beschaffen, daß man ihr ohne weiteres die Kinderarbeit und, wenn die Absichten der Resolution I sich verwirklichen werden, auch die Beschäftigung der Kinder in der Hausindustrie abzuerkennen vermöchte.


 


Auch der Herr Vorredner hat es schon angedeutet, daß über die Kinderarbeit auch nach der Richtung hin verschiedene Anschauungen existiren, ob bei der der einmal vorhanden Lage der Arbeiter das Herumlungern der erwachsenen Kinder schädlicher ist als eine leichte Fabrikarbeit, welche den Bedürfnissen des Körpers und den Ansprüchen an eine sittliche Haltung der Kinder entspricht, und welche mit den nötigen Sicherheiten ini Bezug auf eine sachgemäße Behandlung der Kinder umgeben werden kann.


Diese Seite der Frage auch in Erwägung zu ziehen ist man wohl berechtigt. Wenn mann die Kinderarbeit ohne weiteres jetzt aus den Fabriken ausscheidet, so muß ich sagen: ich bedaure, daß man nicht den Versuch macht, in nützlicher Weise für die Kinder, welche schon vom 12. Jahre ab ein gewisses Thätigkeits- und Arbeitsbedürfnis in sich verspüren, zu sorgen.


 


(Zurufe.)


 


Vizepräsident Dr. Buhl: Meine Herren, ich bitte, den Herrn Redner nicht zu unterbrechen.


 


Abgeordneter Niethammer: Man kann hier verschiedenes thun, indem man allerdings der Kinderarbeit eine ganz spezielle Aufsicht widmet, indem man Vorschriften dahin trifft, daß die Kinder nur in gesonderten Lokalitäten beschäftigt werden dürfen, daß sie unter spezieller Aufsicht eines vertrauenswürdigen Mannes oder, wenn es Mädchen sind, einer vertrauenswürdigen Frau arbeiten (…)


 


In den Betrieben Niethammers allerdings zeigt sich ein anderes Bild. In einer „Arbeitsregel“ von 1856 zeigt sich nur eines: Repressalien und Partikularinteressen


 


"Allgemeine Ordnungs-Regeln"


für das Arbeitspersonal von K & Ni


Quelle: April 2006 Kriebsteiner Gemeindebote, Günter Möbius- Ortschronist


 


in Kriebstein bei Waldheim


Waldheim, Druck von C. F. Seide l 1856


 


Allgemeine Regeln


 


 


Nachstehende allgemeine Ordnungs- und Arbeitsregeln, außer


welchen je für die verschiedenen Geschäfts- Abteilungen noch


einige spezielle Vorschriften gegeben werden, werden anbei mit


den Bemerken bekannt gemacht, daß sich das ganze Fabrikpersonal


genau danach zu richten hat und deren Verletzung


unwiderruflich durch Abzug am Lohne oder nach Befinden mit


Dienstentlassung gerügt werden wird.


§ 1


Sämtliche Arbeiter der Fabrik sind den Prinzipalen oder den


Stellvertreter pünktlichen Gehorsam im Geschäft schuldig. Bei


etwa sich widersprechenden Anordnungen haben sie den Befehlen


des ihren Geschäftskreis unmittelbar Vorstehenden zu gehorchen,


auch jeden ihnen von anderer Seite kommenden Befehl diesen


erst anzuzeigen, wenn es die Zeit irgend erlaubt.


§ 2


Gewissenhaftigkeit, das heißt, treue Pflichterfüllung nach besten


Wissen und Können, auch wenn das Auge des Vorgesetzten abwesend


ist, werden von jeden unbedingt und in jedem Fall gefordert,


selbst dann, wenn es nöthig wird, auf die Nachfrage des Vorgesetzten


etwas zum Nachtheile der Kameraden auszusagen. Die


Antwort: "ich weiß nicht, wer das oder jenes Versehen begangen


hat", wird, wenn sich das Gegentheil hiervon herausstellt, als


dienstliche Lüge betrachtet und jeder dienstliche Lügner erhält


das erste mal einen strengen Verweis unter 4 Augen, das zweite


Mal denselben öffentlich; und macht sich jemand dieses Fehlers


zum dritten Male schuldig, so wird er als unverbesserlich unfehlbar


entlassen, denn auf der strengen Beobachtung dieses Gesetzes


beruht die Ordnung in der ganzen Fabrik; da dadurch jede Nachfrage


erfolgreich, jede Postenträgerei aber entbehrlich wird.


§ 3


Gleiche Strafen treffen auch den Trunkenbold, nur noch mit der


Schärfung, daß er, wenn aus seinem Vorgehen der Fabrik Schaden


erwächst, zum Ersatz desselben verpflichtet ist.


§ 4


Ungehorsam gegen Vorgesetzte wird ebenfalls auf diese Weise


gerügt, artet derselbe jedoch in offenbare und thätliche Widersetzlichkeit


aus, so erfolgt die Entlassung augenblicklich und in


 

Tag der offenen Tür
Töpelwinkel am 11.02.2020 um 10:51 (UTC)
 Unser erstes Highlight ist der bereits traditionell stattfindende Tag der offenen Tür.

Dazu laden wir Sie herzlich am 28.03.2020 von 10 - 16 Uhr ein. Weitere Informationen geben wir Ihnen gern, sobald alle Aktionen feststehen. Wir freuen uns auf Ihren Besuch.
 

In der Adventszeit
Töpelwinkel am 07.11.2017 um 13:43 (UTC)
 https://www.homepage-baukasten-dateien.de/toepelwinkel/A little Weihnachtsgedicht.pdf
 

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